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Nicht zu reagieren = Zustimmung

Sozialpsychologie ist schon sehr interessant. Warum ist es so schwierig aus der Masse auszubrechen und nach den eigenen moralischen Prinzipien zu handeln? Dieser Beitrag soll eine Ermutigung und Rückerinnerung an die eigene Zivilcourage und Selbstermächtigung sein.


Nehmen wir Mobbing an der Schule als Beispiel. Ja, es ist gut, wenn eine Lehrkraft in Mobbingsituationen zu Hilfe geholt wird, um die Sache zu regeln. Es löst aber das Problem nicht und das Treiben geht munter weiter, wenn die Kinder wieder unter sich sind. Ich fände es einen nachhaltigeren Ansatz, wenn die „passiven Zuschauer“ aktiv werden und sich Schulter an Schulter stellen und klar machen: "An uns kommt ihr nicht vorbei. Wer es mit einem von uns aufnimmt, der nimmt es mit uns allen auf. Wir sehen euch, finden nicht gut, was ihr macht und wir dulden euer Verhalten nicht. Punkt."


Kinder sind oft selbst mit diesen Situationen überfordert und wissen einfach nicht, dass sie eingreifen können, dürfen und auch sollen. Es muss nur jemanden geben, der ihnen ihre Möglichkeiten aufzeigt, dieses Auftreten gedanklich durchgeht und bestenfalls probt. Ich finde es ganz wichtig, dass Kindern ihr großes Stimmgewicht vermittelt wird und dass es ihnen erlaubt ist integer nach dem eigenen Gefühl zu handeln. Und wenn nur nur ein einfaches aber bestimmtes "STOP" ist.


Was meint ihr, wie kraftvoll diese Haltung ist und wie bestärkend nicht nur für das Mobbingopfer, sondern auch für alle, die zu ihm stehen und ihm den Rücken stärken? Das ist Selbstermächtigung. Und obendrein lässt es erkennen - Ich kann etwas bewirken. Ich bin Situationen niemals hilflos ausgeliefert. Ich muss mich nur trauen, meine Stimme zu erheben und mich mit Gleichgesinnten zusammen zu tun.


Zivilcourage


Warum fällt Zivilcourage so schwer?


„Zivilcouragetraining für Grundschüler“ war übrigens mal eines meiner Diplomarbeitsthemen. Ja, ganz richtig. Zivilcourage muss wie ein Muskel trainiert werden, um es dann in realen Situationen einsetzen zu können. Oppositionsenergie haben manche durchaus in sich angelegt und es fällt ihnen leichter ihr Wort zu erheben. Aber den allermeisten fällt es schwer aus der Konformität der Masse herauszutreten und gegebenenfalls sogar Risiken einzugehen.


Es ist immer ein individuelles Abwägen, denn Zivilcourage bewertet das Verhalten einzelner Personen, einer Gruppe oder sogar Gesellschaft als moralisch fehlerhaft. Diese Position einzunehmen kostet Überwindung. Sehr oft ist sie zu groß. Die Verantwortung wird an die vielen anderen abgeschoben, die ja auch was sagen oder unternehmen könnten. Dieses Phänomen nennt man Bystander Effekt. Er beschreibt, dass einzelne Personen weniger wahrscheinlich in eine Notsituation eingreifen und helfen, je mehr andere Personen vor Ort sind. Und das ist ein kritischer Punkt, denn nicht zu reagieren bedeutet Zustimmung. Und wenn zugestimmt wird, ändert sich nichts.


In meiner Diplomarbeit steht unter anderem, dass wissenschaftliche Studien belegen, dass der Einsatz von nur EINEM Gleichaltrigen genügt, um eine Mobbinghaltung zu beenden. Erst gestern habe ich in einem Podcast diesen unfassbaren tollen Vergleich gehört: Es braucht nur 4% einer Gruppe/Masse/Gesellschaft um eine Veränderung zu bewirken.



Nur 4%


Mir scheint, wir unterschätzen maßlos unsere Hebel und unseren Einfluss und überschätzen unverhältnismäßig die Risiken oder Reaktionen anderer. Denn ganz ehrlich: wie oft sind wir froh, wenn ein anderer den Anfang macht, weil wir es uns nicht zugetraut haben? Anderen nachzufolgen ist viel leichter, als selbst loszugehen. Es braucht nur EINE mutige Stimme, EINE mutige Handlung, EINE mutige Haltung und plötzlich dreht sich etwas. Gerade heute mit all den Geschehnissen auf der Weltbühne sind wir eingeladen, bewusst Haltung einzunehmen und uns gewahr zu werden, dass es nicht egal ist, wie wir dazu stehen und ob wir uns dazu äußern oder nicht. Jeder einzelne von uns trägt Verantwortung, was toleriert wird und was nicht.


In meinem letzten Beitrag schrieb ich von den Veränderungen, wie ich mir wünsche. Hier ist nun die Memo an mich selbst, dass auch ich nicht warten sollte, bis jemand losgeht sondern selbst diejenige sein.


Veränderung braucht nur 4%.


Wer meine Diplomarbeit lesen möchte, schreibt mir bitte. Ich stelle sie kostenfrei zur Verfügung.


Alles Liebe, Marina

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